flyer_zwischenanwaltundrichter_titelDie Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen Berlin (EZW) und das Konfessionskundliche Institut Bensheim (KI) hielten vom 24. bis 25. November 2016 eine Fachtagung zum Umgang mit religiösen Minderheiten im Evangelischen Augustinerkloster in Erfurt ab. Mit dieser Tagung beteiligten sich beide Institute in der Vorbereitung auf dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017. Namhafte Referenten trugen vor.

Prof. Sebastian Murken/Marburg konstatierte unterschiedliche Betrachtungen der konfessionellen Traditionen und neuen religiösen Bewertungen. Eine Fülle statistischen Materials legte er seinen Ausführungen zu Grunde. Soziologisch werden Gruppen, Konfessionen und Denominationen eingestuft. Er verwies auf „Opfer-Täter-Modelle“ wie auch auf Kultmodelle, die unterschiedliche Beurteilungen und Schlüsse erlauben. Murken nahm dezidiert die Position des Religionswissenschaftlers ein: Während die Theologie beurteilt, habe die Religionswissenschaft, die Aufgabe, zu vergleichen. Daran schloss sich der Fragenkomplex nach positioneller und kritischer Wissenschaft an, denn jede Wissenschaft lebt von Voraussetzungen, die Positionen und Kritik einschließen wie auch nach sich ziehen.

„Von der Gewissensfreiheit zur Religionsfreiheit“, eine faszinierende Themenstellung, geriet von evangelisch-lutherischem und freikirchlichem Ansatz in den Fokus. Prof. Wolf-Friedrich Schäufele/Marburg analysierte die Entwicklung der Reformation über die Aufklärung (J.J. Semler u. J.G. Herder) und hin zur Moderne (E. Troeltsch). Doch die Gestaltwerdung des Freiheitsgedankens, so Schäufele, tritt bereits bei Luther in der Unterscheidung von Gesetz und Evangelium hervor. Die Wirkmächtigkeit von Luthers Zwei-Reiche-Lehre, die zur theologischen Begründung der Religionsfreiheit einerseits wie zur Freisetzung der politischen Lehre und Staatswesen Anlass bietet, wirkte bahnbrechend: Pragmatische Regelungen religiöser Pluralität als praktische Wegbereiter der Religionsfreiheit konstituierten ein Weltverständnis, das sich der römisch-katholischen Vorherrschaft entledigte. Luther lehrte die Unterscheidung der „Regimente“ und definierte das Verhältnis zwischen geistlicher und weltlicher Macht neu. In seinem Aufruf „An den christlichen Adel deutscher Nation“ appellierte er an die weltlichen Obrigkeiten, sich in den Dienst des Evangeliums zu stellen und zur Besserung der Christenheit Verantwortung zu übernehmen. Hieraus entwickelte sich das sogenannte landesherrliche Kirchenregiment, dessen Wirkungen bis heute spürbar sind. Beispiele aus Siebenbürgen, Polen und Litauen verdeutlichen Ansätze, aber auch Grenzen des Toleranzgedankens. Schäufele konstatierte, dass Luther die in seiner Obrigkeitsschrift zur Sprache gebrachte Offenheit nicht durchgehalten habe. Einen anderen Zugang wählte Prof. Andrea Strübind/Oldenburg. Sie betonte aus baptistisch-freikirchlicher Sicht, dass und wie das landesherrliche Kirchenregiment in unterschiedlicher Gestalt erneut Macht gewann, sodass Luthers ursprüngliches Freiheits- und Toleranzverständnis in ein neues Machtgefüge versetzt wurde. Christen und Gemeinden, der radikalen Reformation zugehörig, wurden vertrieben und konnten ihr genuines Glaubensverständnis meist nur durch Flucht und Auswanderung in die neue Welt beibehalten. Flucht und Vertreibung führten zu einem neuen Freiheitsverständnis, das schließlich in der Menschenrechtsbewegung der USA welthistorische Bedeutung und Gültigkeit erlangte.

„Überzeugte Toleranz stärken“ lautete das Thema von Prof. Michael Roth/Mainz.  Unterschieden wurden Toleranz und Indifferenz, ein „Toleranz-Macht-Gefälle“, das „nur von oben nach unten“ sich auswirkt. Feinfühlig deutete Roth das Phänomen „Ressentiment“, um potentielle Ursprünge von Intoleranz freizulegen. Macht und Intoleranz, „als Triebfeder eines aggressiven Denkens“ (F. Nietzsche), wie auch durch Max Schelers Wertphilosophie kamen zur Sprache: Infolge eines Aus-, Auf- und Umwertens durch „den vornehmen Menschen“ im Gegenüber zum „gemeinen Menschen“ werde die Gleichwertigkeit und Toleranz nachhaltig gestört: „Man drückt herab das Andere“ und den Anderen, eben das vermeintlich Fremdartige. Demgegenüber sei die Bedeutung Evangelischen Glaubens lebensbejahend ausgerichtet: „Glauben ist nicht die Art der Unterwerfung“, der Glaube lebe mit Luther aus der „Evidenz des Wortes“. Das Wort und nicht das Kirchenverständnis fundamentiere die Evidenz des Glaubens. Kirchlich instrumentalisierte Angst führe hingegen zur Intoleranz. Glaube lebe nicht aus einem Akt unterwürfigen Gehorsams, sondern „Glaube und Gebet“ verhelfe zu einem freien, autonomen Denken. Wahrheit sei nichts statisches, sondern „Lebenswahrheit“.  Mit Luther, so Roth, ist die Macht des Fundamentalismus zu überwinden; die Wahrheit ist „zu leben und nicht zu behaupten.“

Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Prof. Hans-Jürgen Papier aktualisierte das Thema „Zwischen Anwalt und Richter“ mit Einschätzung und Beurteilung der gegenwärtigen Migrationsbewegungen. Er differenzierte zwischen Personen, die legal einwandern und Personen, die sich unberechtigt im Land aufhielten. Er war der Auffassung, dass die mangelnde Unterscheidung von legitimen bzw. illegitimen Einwanderungen und legitimer Flucht mit Asylgesuch einer klaren juristischen Einschätzung bedürfe, um nicht undifferenziert Asylgewährung und Einwanderung zu vermischen. Die Rechtsposition stellte Papier vorrangig heraus. Er betonte unmissverständlich gegenüber erlittenem Unrecht der Migranten: „Wir schulden ihnen ausnahmslos eine Behandlung nach den bewährten Regeln unserer Rechts- und Sozialstaatlichkeit.“

Ein „komplexes Thema“, so Dr. Mareile Lasogga/Bensheim, das in unsere Zeit hochaktuell ist. Es gelte, weniger „politische Zeitansagen“ zu machen, als vielmehr besser und konkreter Situationsbezüge herauszuarbeiten. Der Einschätzung pflichtete Dr. Reinhard Hempelmann/Berlin bei und betonte, dass auch bei „Differenzpflege und Respekt“ man „nicht alles harmonisieren könne“. Das Thema, „Zwischen Anwalt und Richter“, wird auch zukünftig von hoher Relevanz sein. Das Format der Fachtagung, stellte ein Zukunftsmodell dar!

Matthias Meyer

Flyer zur Tagung “Zwischen Anwalt und Richter”