Was haben Kirchen am Schlüsselloch des Schlafzimmers zu suchen? Warum interessieren sich Kirchen so neugierig für Sex?

In der evangelischen Kirche entzündet sich ein erbitterter Streit an einer Orientierungshilfe zur Familienpolitik. Wenige Textpassagen, in denen das traditionelle Bild der Familie erweitert wird, lassen streng konservative Kreise wütend aufgebehren. Vor allem der Vorschlag, homosexuelle Paare (und ihre Kinder!) als Familie ansehen zu können, schlägt hohe Wellen. Im Anschluss an diese Diskussion wird ein geplantes Papier zur Sexualität gar nicht mehr veröffentlicht.

Der römisch-katholischen Kirche wird von ihren eigenen Gläubigen zur gleichen Zeit bescheinigt, dass ihre Sexualmoral hoffnungslos veraltet ist und einfach nicht mehr interessiert. Die Gläubigen ignorieren nicht nur die einschlägigen Vorschriften, sie kennen sie nicht einmal mehr. Dafür diskutieren Theologen und Bischöfe fleißig darüber, ob Gläubige zur Kommunion gehen dürfen, die geschieden und wiederverheiratet sind. Dabei ist delikat, dass die Trennung der Ehepartner solange kein Problem darstellt, solange sie wie Bruder und Schwester zusammenleben („Josefs-Ehe“). Bischof Franz-Josef Bode (Osnabrück) bemerkt dazu ganz richtig: „Aber das kann keine unabdingbare Voraussetzung für die Sakramentszulassung sein.“[1]

Was bei beiden Kirchen verwundert, ist die Konzentration auf das sexuelle Moment von Ehe und Familie. Dies ist bei Freikirchen oft nicht anders. Zum Beispiel sehen Baptisten die Ehe als grundlegende und absolut notwendige Bedingung für den Geschlechtsverkehr: „Geschlechtliche Gemeinschaft zwischen Mann und Frau außerhalb oder vor der Ehe widerspricht daher der Schöpfungsordnung Gottes und ist Sünde. Dies gilt auch für ,eheähnliche Gemeinschaften‘, für das Zusammenleben von Verlobten, das Zusammenleben ,auf Probe‘ o.ä..“ [2]

Ist es also wirklich so einfach wie Bischof Stefan Oster (Passau) in einem „Facebook-Post“ formuliert: „Ehe oder Unzucht“?[3]

Wenn – wie Oster weiter schreibt – „Treue, Versöhnungsbereitschaft und gegenseitige Verbindlichkeit“ nicht reichen, um eine echte Partnerschaft anzuerkennen, dann ist auch klar, warum sich zumindest die römisch-katholische Kirche so für das Schlafzimmer interessiert: Weil der Sex anscheinend die Ehe definiert. Denn bei der Forderung nach Anerkennung anderer Partnerschaften gehe es – so Oster – „im Kern eben doch wieder um Sex zwischen Zweien.“

Man kann die Frage, „warum vollzogener Sex außerhalb der Ehe nun neuerdings ein Segen sein soll, wo er 2000 Jahre lang aus der Sicht des Glaubens das Gegenteil davon war“ (so Oster weiter), jetzt außer Acht lassen, weil sie in der Tat „eine Vernebelung der Traditionsgenese“ darstellt (wie Volker Resing schreibt[4]), sie also aus exegetischer und historischer Sicht durchaus weiter zu begründen wäre, sollte sie tatsächlich ein Argument im Streit um neue Formen des Zusammenlebens darstellen. Doch zeigt die gesamte Diskussion eine fragwürdige Fixierung auf den sexuellen Akt an sich. Bischof Bode meint dazu völlig zu Recht: „Die Fixierung auf das Sexuelle und auch die Einengung des Sexuellen auf den Akt müssen wir überwinden.“

Dies gilt m.E. für alle Kirchen. Was im Schlafzimmer passiert, entscheidet nämlich nicht über das Wohl und Wehe des Christentums und des Glaubens.Gerade die Kirchen sollten sich andere Sorgen machen. Die Ergebnisse der letzten EKD-Mitgliederuntersuchung zeichnen ein dramatisches Bild, das nichts mit (Homo-)Sexualität zu tun hat. Den Kirchen bricht die Mitte weg. An einem der Ränder wachsen die Evangelikalen.

Da will man doch sagen: Geht weg vom Schlafzimmerschlüsselloch! Macht das, was die Leute von euch erwarten – wenn sie überhaupt noch etwas von euch erwarten. Die Menschen wollen Sinn- und Deutungsangebote, sie wollen keine Vorschriften, keine Gebote. Sie wollen Perspektiven, die sie sich nicht selbst sagen können.

Wenn also die Arbeiter im Weinberg des Herrn fragen: „Herr, wohin sollen wir gehen?“ (Joh 6,68), dann ist zu sagen: Geht in die Wohn- und Arbeitszimmer, die Küchen, die Werkstätten, die Fabriken, die Lokale, die Büros. Geht dahin, wo die Menschen sind und euch zuhören wollen. Aber im Schlafzimmer – da will man doch meistens nur zu zweit sein.

Dr. Paul Metzger

[1] Herder-Korrespondenz 69, 2015, 402. Alle weiteren Zitate ebd.

[2] http://www.baptisten-hagen.de/Baptisten-Hagen/Downloads_files/Ehe-Stellungnahme.pdf.

[3] https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=1594543007482186&id=1399859893617166. Alle weiteren Zitate ebd.

[4] Herder-Korrespondenz 69, 2015, 332.

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