Nach einem Jahrtausend der Trennungen und Spaltungen brach die Zeit der kirchlichen Sammlung an. Während das 19. Jahrhundert zu Recht als das Jahrhundert der Mission bezeichnet wurde, lässt sich das 20. Jahrhundert als „Das Jahrhundert der ökumenischen Bewegung“ beschreiben. Die Griechen verstanden unter „ökumene“ den vom Menschen erschlossenen Lebensraum der Erde. Auf weltlichem Gebiet werden heute stattdessen Begriffe wie „international“ und „universal“ angewendet, während auf geistlichem Gebiet der Begriff „ökumenisch“ eine weite Verwendung erfährt, ja mitunter geradezu revolutionär gebraucht wird. Schon in der vorchristlichen Antike kannte man dieses Wort, gemeint war damit die zivilisierte Menschheit, die damals mit dem römischen Reich identisch verstanden wurde. In der Weihnachtsgeschichte lesen wir, dass das Gebot des Kaisers Augustus ausging, „auf dass die ganze ‚Ökumene‘ geschätzt würde“ (Lk. 2,1). Christus sandte seine Jünger in die „Ökumene“ zum Zeugnis für alle Völker. Wenn heute der Begriff „ökumenisch“ verwendet wird, ist er mit verschiedenen Inhalten gefüllt. Im Jahr 1961/62 vollzog sich das wohl einmalige Ereignis, dass in einer Zeitspanne von 14 Monaten zwei Konzile oder Versammlungen stattfanden, die sich „ökumenisch“ nannten. Im Oktober 1961 fand die „Dritte Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen“ (ÖRK) in Neu-Delhi statt, und im November 1962 berief Papst Johannes XXIII. ein „Ökumenisches Konzil“, das sogenannte „Vatikanum II“, nach Rom.

Wenn die römisch-katholische Kirche den Begriff „ökumenisch“ verwendet, dann meint sie ihn im Gegensatz zu „regional“, auf einzelne Länder und Kontinente bezogen. Wenn sich das Vatikanum als „Ökumenisches Konzil“ bezeichnet, dann ist damit gewissermaßen ein Generalkonzil der römisch-katholischen Kirche gemeint. Mit der Errichtung des Sekretariates zur Förderung der Einheit der Christen und der Berufung von Augustin Kardinal Bea zu dessen Präsidenten erreichte Papst Johannes XXIII., dass das ökumenische Anliegen auf dem Vatikanum II zu einem wichtigen Thema wurde. Ein Meilenstein stellte das Ökumenismusdekret Unitatis redintegratio dar. Es ermöglichte eine Abkehr von der Rückkehr-Ökumene und schuf die Grundlage für eine Beteiligung der römisch-katholischen Kirche an der ökumenischen Bewegung. Heute wird die Verständigung und der Austausch mit anderen christlichen Glaubensgemeinschaften gesucht und gepflegt, insbesondere mit den östlich-orthodoxen Kirchen, den anglikanischen und alt-katholischen Kirchen sowie den evangelischen Kirchen und Gemeinschaften.

Die ökumenischen Konzile/Versammlungen der nicht-römischen Kirchen, zu denen Protestantismus, Orthodoxie, Anglikanismus und die Freikirchen gehören, verstehen darunter interkonfessionelle Begegnungen, die die gesamte Christenheit angehen und nicht nur etwa den Weltprotestantismus. So soll etwas von der Einheit der Christen sichtbar werden, die unter den Spannungen verborgen ist. Wenn man den Begriff ökumenisch allerdings wörtlich nimmt, so war weder das römisch-katholische Konzil ein ökumenisches Konzil, weil es nur eine römisch-katholische Versammlung war, noch das „ökumenische Konzil“ des Weltrats der Kirchen, denn es fehlte offiziell, abgesehen von einigen Beobachtern, die römisch-katholische Kirche.
Es ist schon als Gewinn anzusehen, dass im 20. Jahrhundert die Kirchen sich in ihrer Trennung nicht mehr wohlfühlten. Sie wissen, dass hinter dem Schisma der West- und Ostkirche (1054) und der Spaltung von Katholizismus und Protestantismus im 16. und 17. Jahrhundert eine Kirchenschuld steht und dass Jesus um die Einheit seiner Kirche gebetet hat (Johannes 17,21f.).
Die Geschichte der Kirchenspaltungen ist alles andere als ein Ruhmesblatt der Christenheit. Ansätze dazu gab es schon vor und auf dem Konzil zu Chalcedon 451: Hier spalteten sich Gemeinden ab, die später als altorientalische Kirchen in Gestalt der Nestorianer und Monophysiten weitere Verbreitung fanden. Doch der eigentliche Bruch der Kirche im Jahre 1054 war folgenschwer: Eine östliche Hälfte mit der Orthodoxen Kirchen unter der Leitung des Patriarchen von Konstantinopel und eine westliche, die römisch-katholische Kirche unter der Leitung des Bischofs von Rom, standen einander gegenüber. Im Grunde hatten sich Machtfragen aufgeschaukelt und weniger theologische Auffassungen, die dieses „Schisma“ herbeiführten. Die zweite große Spaltung erfolgte unter Leo X. im Jahre 1520, der Martin Luther und die Anhänger der reformatorischen Bewegung exkommunizierte und dadurch die Aufspaltung in evangelisch und römisch-katholisch vollzog. Die folgenden Jahrhunderte schufen eine Verhärtung der Frontstellungen der Konfessionen.

Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam es zu einer Begegnung und einem Gespräch zwischen den getrennten Kirchen. Der Boden für eine ökumenisches Denken war durch drei große Männer vorbereitet: durch John Mott, den lutherischen Erzbischof Nathan Söderblom und den anglikanischen Erzbischof William Temple. Außerdem haben die großen Weltbünde „CVJM“ (1855) und der „Christliche Studentenverbund“ (1895) den Boden für ökumenisches Denken vorbereitet. Sicher rückte die Verbesserung der Verkehrs- und Kommunikationsverbindungen die Menschen über die Jahre enger zusammen, doch die Spaltung Europas im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg in ein „kommunistische“ und eine „kapitalistische“ Welt erschwerte den notwendigen Dialog. Im Gefälle des Zerfalls der politischen Machtblöcke 1989 verbesserte sich die Lage der Weltchristenheit. Die erstarkende Globalisierung führte zu tiefgreifenden politischen, sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen, denen die weltweite Kommunikation durch die Nutzung der elektronischen Medien revolutionär folgte. Davon profitierte auch die Ökumene, konkret die Dialoge in Theologie und Kirchen. Ist damit die ersehnte Einheit der Kirchen näher gekommen? Ja, welche Einheit wird angestrebt? Bilaterale Dialoge hatten schon vor dem Zweiten Weltkrieg begonnen und eine Vielzahl von Dokumenten wachsender Übereinstimmung entstanden. Die Konvergenzerklärung über Taufe, Eucharistie und Amt oder kurz Lima-Erklärung (engl. Baptism, Eucharist and Ministry / BEM) wurde von der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung des Ökumenischen Rates der Kirche im Januar 1982 in Lima (Peru) verabschiedet. Erfolgte die gegenseitige Anerkennung? In der Taufe ja, im Abendmahls- und Amtsverständnis ließe sich bis dato bestenfalls von einer offenen Frage sprechen. Und dennoch: Die Gespräche mit dem Ziel einer Verständigung und Anerkennung gehen weiter. Weichenstellend wurde für Europa der Zusammenschluss Evangelischer Kirchen in der Leuenberger Kirchengemeinschaft von 1973, die sich heute als „Die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa“ (GEKE) (englisch: „Community of Protestant Churches in Europe“ (CPCE), französisch: „Communion d’Eglises protestantes en Europe“ (CEPE)) versteht. Sie ist eine Gemeinschaft von Kirchen, die fast alle lutherischen, reformierten und methodistischen Kirchen Europas einschließt. Sie haben sich zu gegenseitiger Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft verpflichtet. Der Name der Kirchengemeinschaft lautete daher zunächst Leuenberger Kirchengemeinschaft. Auf ihrer Tagung Ende Oktober/Anfang November 2003 hatte die Gemeinschaft ihren Namen entsprechend abgeändert.

Die ersehnte Einheit braucht durchaus nicht organisatorisch zu sein, auch keinen nivellierenden, die Unterschiede aufhebenden oder verwischenden Charakter zu haben. Das Ziel ist nicht Einförmigkeit oder Uniformität, sondern das „Sich-eins-Wissen“ in Christus. Gottesdienstliche Verschiedenheiten und kirchenverfassungsmäßige Unterschiede heben diese Einheit nicht auf. Hinter der Verschiedenheit der Kirchen brauchen nicht grundsätzliche menschliche Bosheit, Schuld und menschliches Versagen gesucht werden. Der Pluralität der Menschen und der Gesellschaft in demokratischen Staaten entspricht eine Vielfalt und Pluralität von Kirchen und Theologien, die nicht ein Mangel, sondern ein Reichtum für die Weltchristenheit darstellt.
In der ökumenischen Bewegung der Kirchen geht es also nicht um Uniformität in Organisation und Gottesdienstformen, sondern es geht um die Bereitschaft zum wechselseitigen, gleichberechtigten Gespräch miteinander und, last not least, um das gegenseitige Anerkennen als Kirche und als Christen.
Die Geschichte der ökumenischen Bewegung kann so skizziert werden: Auf den internationalen Missionskonferenzen, die schon 1870 und 1880 in London, 1900 in New York und 1910 in Edinburgh stattfanden, brachte die Zusammenarbeit der missionierenden Gruppen und Kirchen ihre Zusammengehörigkeit zum Ausdruck. Es kam ferner zu Kirchenkonferenzen einzelner Konfessionen, so 1867 zur Lambeth-Konferenz der Anglikaner und 1923 zum Weltkonvent der Lutheraner und schließlich zu den beiden großen Weltkonferenzen für praktisches Christentum „Life and Work“ (Stockholm 1925) und für Glauben und Kirchenverfassung „Faith and Order“ (Lusanne 1927). Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verhinderte eine für 1941 anberaumte konstituierende Vollversammlung eines zukünftigen ökumenischen Rates der Kirchen. Netze der Ökumene waren geknüpft, sodass diese auch in Kriegszeiten Foren der Geheimdiplomatie, der Konspiration und der Flucht und Ausreise der um Leib und Leben fürchtenden politisch und rassisch verfolgten Menschen diente. Flüchtlingsfürsorge und Gefangenenbetreuung erfolgten im Geist der Ökumene. Schließlich kam es am 23. August 1948 in Amsterdam zur Konstituierung des „Ökumenischen Rates der Kirchen“, vertreten durch 351 Delegierte von 147 Kirchen. Es folgten die Weltkirchenkonferenzen von Evanston 1954, Neu-Delhi 1961, Uppsala 1968. Hier entschloss sich die russisch-orthodoxe Kirche, in die Ökumene einzutreten, und es fand auch der Zusammenschluss des Internationalen Missionsrates mit dem ÖRK statt. Grundlegend für das Selbstverständnis des ÖRK, auf nationaler Ebene folgte die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) in Deutschland, ist das erklärte Selbstverständnis: „Der Ökumenische Rat der Kirchen ist eine Gemeinschaft von Kirchen, die den Herrn Jesus Christus gemäß der Heiligen Schrift als Gott und Heiland bekennen und darum gemeinsam zu erfüllen trachten, wozu sie berufen sind, zur Ehre Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“

Diese Basis, die weniger als ein Bekenntnis zum christlichen Glauben, jedoch mehr als eine Ausrichtung angibt, dient den ÖRK-Mitgliedern als Bezugspunkt und als gemeinsamer Nenner. Da der ÖRK selbst keine Kirche ist, beurteilt er weder die Aufrichtigkeit oder Festigkeit, mit der die Mitgliedskirchen zur Basis stehen, noch die Frage, inwieweit sie ihre Mitgliedschaft ernst nehmen. So gilt auch für die Basis, was William Temple über den Rat sagte: „Die Autorität des Rates besteht nur in dem Gewicht, das er durch seine eigene Weisheit bei den Kirchen erhält.“

Dr. Matthias Meyer

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