Die Dynamik der Ökumene liegt im Evangelium Jesu Christi. Wo Nachfolge Jesu Christi ernst genommen wird, wird auch das Ärgernis der Trennung unter seinen Nachfolgern ernst genommen. Das betrifft den einzelnen Christen wie auch die christlichen Kirchen und Gemeinschaften insgesamt.

Nun wird seit Jahren über Ermüdungserscheinungen im ökumenischen Miteinander geklagt. Entsprechende Symptome sind zweifellos vorhanden, betreffen aber vor allem die „alten“ Kirchen. Dabei wird oft nicht zur Kenntnis genommen, dass der ökumenische Gedanke gleichsam am linken Rand der „Konfessionskirchen“ unter verschiedenartigen Bedingungen neu an Dynamik gewonnen hat oder gewinnt.

Ein Beispiel dafür ist die Neuapostolische Kirche (NAK) und ihr Eintritt ins Blickfeld der ökumenischen Bewegung. In dieser vor 150 Jahren entstandenen, heute weltweit verbreiteten Kirche oder, wie man lange Zeit sagte, „Sekte“ war das Wort Ökumene ein konsequent gemiedenes Unwort. Ökumenische Theologie galt als nicht diskutabel. Dabei liegen die Ursprünge und Wurzeln der Neuapostolischen Kirche in einer Gemeinschaft, die im Rahmen ihrer Zeit durchaus eine sehr bemerkenswerte ökumenische Ausrichtung hatte, nämlich in den nach 1832 in England entstandenen Katholisch-apostolischen Gemeinden. Ihre auf prophetisch-charismatischem Weg berufenen zwölf Apostel wussten sich mit ihrer Botschaft von der baldigen Wiederkunft Christi an die ganze Christenheit gewiesen. Die innere Einheit der Kirche Jesu Christi war für sie eine Selbstverständlichkeit, ein exklusives Kirchenverständnis vertraten sie nicht.

Endzeitliche Exklusivität entwickelte sich aber je länger, je stärker im Kreis der seit 1863 in Deutschland auftretenden, von den „alten“ englischen Aposteln exkommunizierten „neuen“ deutschen Apostel. Die entscheidende Rolle dabei spielte der Apostel Friedrich Krebs (1832-1905), der sich 1895 zum „Stammapostel“ und damit zum geistlichen und administrativen Oberhaupt der neuen apostolischen Gemeinden erklärte. Er grenzte die neuen Apostelgemeinden scharf von den alten christlichen Kirchen ab. Unter seiner Leitung wurden, gefördert durch heftige Polemik seitens der etablierten Kirchen, die neuen apostolischen Gemeinden zu einer exklusiven Endzeitkirche. Das blieb ca. 90 Jahre so.

Eine Wende leitete die Übernahme des Stammapostelamtes durch den Schweizer Apostel Richard Fehr im Jahr 1988 ein. Er erkannte die Notwendigkeit von Veränderungen in Lehre und Leben der Neuapostolischen Kirche. Das betraf nach außen besonders ihr Verhältnis zu den christlichen Kirchen und der säkularen Öffentlichkeit. 1999 berief er eine „Projektgruppe Ökumene“. Kenner der Neuapostolischen Kirche fanden diesen Schritt geradezu revolutionär. Konservative neuapostolische Kreise zeigten sich befremdet, liberale verbanden damit große, teils übertriebene Hoffnungen. Auf jeden Fall öffneten sich im bisher fest verschlossenen neuapostolischen Ghetto kleine und größere Türen nach verschiedenen Seiten.

So nahm die Neuapostolische Kirche in Baden-Württemberg 2001 Gespräche mit der dortigen Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen auf, um die Möglichkeit eines Gaststatus zu sondieren. Weitere Schritte folgten.1

1 Vgl. dazu: Arbeitsgespräche 2011/12. Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen – Neuapostolische Kirche, hg. von der Neuapostolischen Kirche International, Frankfurt 2011; Reinhard Hempelmann (Hg.): Die Neuapostolische Kirche und die Ökumene, EZW-Texte 214, Berlin 2011.

Forschungsgebiet(e):