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JuFO2023Salvatorkirche

Salvatorkirche, München

JuFo2023GruppeKoy

JuFO2023

Nach zwei Jahren konnte die jährliche Tagung des Jungen Forum Orthodoxie diesmal erfreulicher Weise wieder präsentisch stattfinden. Als Ort war München ausgewählt worden: eine Stadt, die eine  ökumenische Besonderheit aufweist: ein Institut für Orthodoxe Theologie. Die Nähe zu dieser kirchlich-akademischen Ausbildungseinrichtung machte es möglich, zum Thema „Liturgie in der Orthodoxen Kirche“ nicht nur von einem evangelischen Orthodoxieexperten, sondern auch sozusagen aus erster Hand zu erhalten.

Eine allgemeine Einführung in die Welt der Liturgien orthodoxer Kirchen – man muss hier bei aller grundlegender Gemeinsamkeit durchaus im Plural sprechen – bekamen die Nachwuchsökumeniker*innen von Prof. Karl Pinggéra aus Marburg, einem der wenigen ausgewiesenen deutschsprachigen evangelischen Experten für die Orientalisch-Orthodoxen Kirchen. Mit am bemerkenswertesten schien den Teilnehmenden die Information, dass bei der Abendmahlsfeier in der Assyrischen Kirche des Ostens die neutestamentlichen Einsetzungsworte fehlen – und dies so auch 2001 vom Papst als theologisch valide anerkannt wurde. Dies regte zum Nachdenken an: muss  dieser rückblickende ‚Bericht‘ im liturgischen Vollzug immer mitgesprochen werden, oder geht es nicht vielmehr um das Feiern dessen, was da von Christus eingesetzt und aufgetragen ist? Interessant war ebenfalls, dass erst nach Klärung der Bilderfrage im Jahr 787 eine flächendeckende Bebilderung der Kirchen vollzogen wurde – gewissermaßen als Ausdruck der (neuen wie alten) Rechtgläubigkeit. Eine gewichtige Rolle spielt heutzutage die Sprachenfrage: wo soll welche liturgische Sprache gepflegt werden? Wer soll was in moderner Sprache verstehen? Wie wird zwischen Sprachwelten vermittelt? Welche biblischen Kanones diverser östlicher Kirchen mussten erst einmal ins Deutsche übersetzt werden, weil die vorhandenen dt. Bibelübersetzungen sich auf andere Textgrundlagen stützen?

Die Bedeutung der Göttlichen Liturgie stellte der Liturgiker, Patrologe und Kirchengeschichtler Prof. Daniel Benga von der erwähnten orthodoxen Lehreinrichtung dar. In einer multisensoriellen göttlichen Liturgiefeier, in der jedoch selbst die vielen Sinne zum wahrhaftigen Mitfeiern nicht ausreichen, gehe es um das Hineinnehmen in eine Atmosphäre, die etwas von Gottes Herrlichkeit erfahren lässt. Es gelte, diese Erfahrung der Schönheit der Liturgie in der Kirche als irdischem Himmel und Vorgeschmack auf das Paradies insbesondere Kindern in ihren jungen Jahren zu ermöglichen, um einen tiefgründigen Schatz fürs Leben anzulegen. Die Suche nach einem magischen Moment der Wandlung und die enggeführte Verortung dieser in einzelnen Sätzen wie den Einsetzungsworten oder der Epiklese sei von der Orthodoxie, nachdem sie sich mit der Scholastik auseinandergesetzt hatte, als im Grunde falsche Frage erkannt worden; vielmehr beziehe sich die ‚Gesamtepiklese‘ letztlich auf die Liturgie als Ganze. Erhellend war zudem, dass die Normativität der fixiert wirkenden Liturgie im Grunde auf den pragmatischen Umstand des Buchrucks in Venedig ab dem 16 Jahrhundert zurückzuführen ist. In ökumenischer Offenheit und orthodoxer Weisheit legte Prof. Benga dar, dass die Kirche im Grunde sehr frei in der Auslegung der unterschiedlich auslegbaren Kanones sei, erklärte den Unterschied zwischen ‚akribeia‘ (strenge Auslegung) und ‚oikonomia‘ (pastoral begründete Ausnahmen) und zeigte, dass auf diese Weise z.B. mitunter bei Kirchenweihen alle Gläubigen ausnahmsweise einige Tage lang den Altarraum hinter der Ikonostase betreten dürfen.

Ein gewisser Höhepunkt der Veranstaltung war eine praktische Einführung in den griechisch-orthodoxen liturgischen Gesang. Zusammen mit zwei Chormitgliedern konnte Prof. Athanasios Vletsis (in Vertretung seines Kollegen Prof. Konstantin Nikolakopoulos, der kurzfristig verhindert war) auf eindrückliche Weise in Theorie und anhand von Hörbeispielen insbesondere in der Praxis die 8 byzantinischen Kirchentöne näherbringen. Die Teilnehmenden lauschten aufmerksam den orientalisch anmutenden Klängen mit Tonskalen, die dem westlichen Ohr nicht unmittelbar eingängig sind; noch ehrfürchtiger wurden sie, als  die gewichtigen Text- und Notenbücher durch die Reihen gegeben wurden, die schon optisch-haptisch ein Genuss sind und die mit ihrer komplett anderen Herangehensweise an ein Notationssystem etwas Geheimnisvolles ausstrahlen. Nach dieser musikalischen Lehrstunde gab es die Gelegenheit, der Taufe zweier Säuglinge beizuwohnen. Beide Kinder wurden splitterfasernackt in das Taufbecken gehoben (nicht untergetaucht) und, da sie sich sträubten,  noch ordentlich per Hand mit Wasser beträufelt. Wie imposant der lebendige Trubel und das In-Szene-setzen der Tauffeier an verschiedenen Orten in der gr.-orth. Salvatorkirche auch war, so fremd mutete den sprachgewohnten und wortbetonenden Protestanten doch die enorme Geschwindigkeit und Undeutlichkeit der priesterlichen Sprech- und Singteile an.

Daneben erörterte das Junge Forum Orthodoxie zusammen mit OKR Dr. Wolfram Langpape von der EKD und Pfarrer Dominik Koy, dem neuen Referenten im KI die pragmatische Frage, wie man in den offiziellen Dialogen, die die EKD mit verschiedenen orthodoxen Kirchen führt, theologisch und in bayerischen Biergärten kulturell Maß halten kann. Durchgehend mit am Tisch waren die tagesaktuellen brisanten Themen unserer Zeit – stets im überzeugen Bewusstsein, dass trotz aller Widrigkeiten am Dialog kein Weg vorbei führt/führen sollte.

Den Abschluss der Tagung bildete der Besuch der imposanten griechisch-orthodoxen Allerheiligenkirche in München (Metropolie von Deutschland, Exarchat von Zentraleuropa). Zusammen mit Bischof Emmanuel von Christoupolis (Sfiatkos) feierte man das Patronatsfest der Kirchengemeinde samt göttlicher Liturgie und anschließendem Gemeindefest.

Die nächste Tagung des Jungen Forum Orthodoxie wird sich mit dem Thema ‘Mönchtum’ beschäftigen.

Benedikt Jetter

Ansprechpartner

Pfrin. Dr. Dagmar Heller
Wissenschaftliche Referentin für Orthodoxie und Leitung

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Dominik Koy
Referent für konfessionsübergreifende Fragen und Publizisitk

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