Die zum „ChristusForum Deutschland“ (CFD) gehörenden Gemeinden haben sich am 13. April 2024 in geheimer Abstimmung mit gut 90 % der abgegebenen Stimmen dafür entschieden, dass ihr Gemeindeverband sich um eigenständige Körperschaftsrechte bemüht. Die Erlangung solcher Rechte würde die Loslösung vom Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG), zu dem das CFD bisher gehört, bedeuten, und damit die Gründung einer neuen Freikirche.

Bei der hybrid geführten Jahresversammlung 2024 des CFD am 12. und 13. April in Hofgeismar, an der der Freikirchenreferent des Konfessionskundlichen Instituts Bensheim online teilnahm, kam damit ein 2013 erstmals angestoßener Prozess zur vorläufig endgültigen Entscheidung. Damals hieß der CFD noch „Arbeitsgemeinschaft der Brüdergemeinden“. Das verweist auf den historischen Kern des BEFG, der 1941 gegründet worden ist, als sich die Brüdergemeinden und die Gemeinden des baptistischen Bundes, der schon Körperschaftsrechte besaß, zusammenschlossen.

Hintergrund für die Trennung sind schon lange schwelende Diskussionen in klassischen theologischen Feldern wie Hermeneutik, Soteriologie und Ethik. In einem theologischen Leitfaden, der im Dezember 2023 vom Vorstand des CFD zur Diskussion in den Gemeinden freigegeben wurde, werden die „Kernwerte“ des CFD festgehalten. Der Text „Das Theologische Herz im Christusforum. Wertekanon ChristusForum Deutschland“ war auch Gegenstand eines der vier Workshops während der Jahresversammlung. Die Workshopleitung sprach dabei von der Möglichkeit, dass der Text in seiner Endfassung für die Mitgliedsgemeinden verpflichtenden Charakter haben könnte. Auf die Frage eines Workshopteilnehmers, ob nicht auch etwas über die Mitwirkung von Frauen in der Gemeinde geschrieben werden solle, sagte einer der Workshopleiter, Markus Schäller, diese Frage solle den Gemeinden selbst überlassen werden; er bezeichnete sie unter Hinweis auf Paulus als Ordnungsfrage, die nicht zu diesen „Kernwerten“ gehöre. (An dieser Stelle sei angemerkt, dass bei dieser Jahresversammlung mit zwei Ausnahmen ausschließlich Männer auftraten, mitwirkten, sich zu Wort meldeten.)

Im Plenum gab es vor der Schlussabstimmung keinen Diskussionsbedarf. Dies wurde von einem Delegierten, der nach eigener Auskunft zum ersten Mal dabei war, auch ausdrücklich problematisiert. Der Verhandlungsleiter sagte dazu, dass möglicherweise der Grund dafür zu suchen sei, dass das Thema seit eineinhalb Jahren in den Regionalversammlungen ausführlich diskutiert worden sei.

Am Vorabend und am Vormittag des entscheidenden Tages hatten Präsident und Generalsekretär des BEFG, Michael Noss und Christoph Stiba, nochmals eindringlich dafür plädiert, beieinander zu bleiben. Sie begründeten das vor allem mit der durch Joh 17 gebotenen Einheit. Dagegen machte Schäller, Leiter des „Teams Theologie“ des CFD, deutlich, dass „die Schmerzgrenze“ erreicht sei. Man wolle nicht die von der BEFG-Leitung angestrebte „Kirche des Dialogs“, sondern statt „Beliebigkeit“ biblische Eindeutigkeit.

Die BEFG-Leitung bedauerte, dass mehrere andere Modelle zukünftiger Zusammenarbeit, die auf dem Tisch lagen, nicht wirklich geprüft worden seien, und es sei ein „Zerrbild vom Bund“ kolportiert worden; die Frage nach dem Warum bleibe bestehen. Auch im Kontext der polarisierten Gesellschaft mit ihren Blasen sei die Trennung ein falsches Signal. Leider habe man, so Stiba selbstkritisch, die offenbar nötige Diskussion zwischen den verschiedenen Traditionen bzw. theologischen Richtungen innerhalb des BEFG in der Vergangenheit vernachlässigt.

Der CFD-Geschäftsführer Alexander Rockstroh sagte im Kontext seines Jahresberichts, man stehe mit 80 Gemeinden im Gespräch, die Interesse am CFD hätten. Die Liste sei und bleibe aber geheim. – Man darf gespannt sein, wie groß die neue Freikirche werden wird. Für manche Gemeinden, denen sowohl die Mitgliedschaft im BEFG als auch die Zugehörigkeit zum CFD wichtig ist, kommt es nun zu einer Zerreißprobe. Es ist auch nicht auszuschließen, dass einzelne Gemeindeglieder sich neuen Gemeinden anschließen, wenn die bisherige eigene Gemeinde nicht mehr dem BEFG angehören wird. Andererseits kann auch mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass sich manche theologisch konservative Gemeinden, die bisher anderen Bünden bzw. Kirchen zugehören, der neuen Freikirche anschließen werden.
Die freikirchliche Landschaft in Deutschland ist also nicht nur in ihren neocharismatischen, sondern auch in ihren traditionellen Sektoren in Bewegung. Allerdings wird nicht zufällig der Leiter der Geistlichen Gemeindeerneuerung im BEFG, Matthias Lotz, zum Impulsreferat am Morgen des Entscheidungstags gebeten worden sein. Dem war eine Andacht vorausgegangen, die Martin P. Grünholz, ein zu „Bibel und Bekenntnis“ gehörender Theologe des Forums Wiedenest, gehalten hatte. Das sind die Kontexte, in denen die neue Freikirche sich verorten dürfte. Konfessionskundlich spannend ist unter anderem die Frage, wie viel brüdergemeindliche Tradition im nächsten Jahrzehnt im CFD noch zu erkennen sein wird.

Lothar Triebel

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