Am 23. und 24. Februar 2024 fand die diesjährige Europäische Konfessionskundetagung des Konfessionskundlichen Instituts Bensheim (KI) zum im Titel genannten Thema statt. Im Vorfeld des Täuferjubiläums 2025 stellt sich die Frage nach dem aktuellen Verhältnis „täuferischer“ Kirchen zu denen, die (auch) kleine Kinder taufen. Waren die Beziehungen dieser Kirchen in der mitteleuropäischen Geschichte durch Verfolgungen seitens der sogenannten Großkirchen geprägt, so ist in der Gegenwart Koinonia, Gemeinschaft durch Teilhabe, das noch nicht überall und vollständig erreichte, aber doch schon vielfach gelebte Leitbild für dieses Verhältnis.

Bei der federführend von Prof. Dr. Andrea Strübind (Oldenburg), seit vielen Jahren Ständiger Gast des Wissenschaftlichen Beirats des KI, und Dr. Lothar Triebel, Freikirchenreferent im KI, organisierten Konferenz wurden diese Kirchenbeziehungen besonders in dreierlei Hinsicht untersucht: Was hat die Vielzahl von theologischen Dialogen zwischen z.B. Baptisten und Lutheranern oder Mennoniten und Katholiken, die in den letzten Jahrzehnten teils national, teils auf Weltebene stattfanden, theoretisch erbracht und in der Praxis verändert? Wie sind die Prozesse von „Heilung der Erinnerungen“ verlaufen? Was sind die Konsequenzen, die sich daraus ergeben haben, und welche sind noch zu ziehen?

Treffend war der Eröffnungsvortrag mit „Die Geschichte der täuferischen Kirchen in Deutschland – Last und Lust“ überschrieben. A. Strübind und PDin Dr. Astrid von Schlachta (Regensburg / Hamburg) zeigten mit Beispielen aus dem 16., 19. und 20. Jahrhundert die grausame Last auf, konnten aber für das 19. Jahrhundert (in Bezug auf Mennoniten), das 20. und das 21. Jahrhundert auch schöne und Hoffnung machende Aspekte benennen; ebenso wiesen sie auf Desiderate hin.

Plenum EKKT (c) KI

Prof. Dr. Fernando Enns (Hamburg / Amsterdam) beleuchtete den Themenkomplex „Heilung der Erinnerungen“ am Beispiel des Versöhnungsprozesses zwischen Lutheranern und Mennoniten; er stellte das unter den Titel „Prozesse und Perspektiven“. Ausgehend von 2. Kor 5,17-20 analysierte er mit Hilfe eines Drei-Phasen-Modells den genannten Versöhnungsprozess und kam zum Schluss, die Rezeptionsgeschichte als „ambivalent“ bezeichnen zu müssen. Dr. Verena Hammes (Ökumenische Centrale der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen [ACK], Frankfurt a.M.) konnte bei der Frage nach „Römisch-katholischen Perspektiven zur Heilung der Erinnerung mit den täuferischen Kirchen“ einerseits auf weltweite bilaterale Dialoge des Vatikans mit Mennoniten und mit Baptisten sowie auf den dreiseitigen Dialog mit Lutheranern und Mennoniten verweisen; andererseits gibt es hier trotz eines kurzen Versöhnungsgebets anlässlich des Katholikentags in Münster 2018 noch keine dem lutherisch-mennonitischen Heilungsprozess vergleichbare Handlung. Hammes fragte abschließend, ob möglicherweise gemeinsames Wirken in der Gegenwart produktiver sei als „Heilung der Erinnerungen“.

Als angesichts dieser Befunde umso geeigneter erschien das Thema der von Pastor Lothar Peitz (ACK Hessen/Rheinhessen, Frankfurt a.M.) moderierten Podiumsdiskussion mit F. Enns und Prof. Dr. Marco Hofheinz (Hannover): „Täuferische und nicht-täuferische Kirchen: Gegenseitige Herausforderungen angesichts der postchristlichen Gesellschaft“. Zunächst referierte Hofheinz die Typologie Karl Barths: „Kirche im Defekt / Kirche im Exzess“, die auf nichttäuferische und täuferische Kirchen angewandt wurde. In diesem Kontext fragte Enns kritisch nach dem Wert jedweder herkömmlichen Form, Gemeinde bzw. Kirche und auch ökumenische Gremien zu organisieren, und verwies demgegenüber auf die Bedeutung des Evangeliums selbst, um dessen Zukunft er sich keine Sorgen mache. So schloss diese Diskussion gut an den Vortrag von Prof. Dr. Alexander-Kenneth Nagel (Göttingen) an: „Minderheits- und Mehrheitskirchen im deutschsprachigen Raum. Pluralisierung, Internationalisierung, Transkonfessionelle Modelle“. Nagel hatte den Blick der Tagungsteilnehmer*innen durch die Schilderung von Grundlagen und vorläufigen Ergebnissen seiner religionssoziologischen Forschung zu Migrationskirchen geweitet. Dabei hatte er u.a. eine baptistische Gemeinde (Deutsche und Iraner), eine Brüdergemeinde (Spätaussiedler) und eine Gemeinde von Evangeliumschristen-Baptisten (Spätaussiedler und Ukrainer) untersucht. In seinem Fazit fragte er, ob Freikirchen als Avantgarde interkultureller Öffnung ein Lernmodell für die verfassten Kirchen sein könnten. Auf anderem Weg war zuvor bereits Prof. Dr. Andreas Heiser (Ewersbach / Dillkreis) zu ähnlicher Einschätzung gekommen. Nach Schilderung eines 2013 bis 2016 gelaufenen Forschungsprojekts mit dem Titel „Heilung der Erinnerungen: Freikirchen und Landeskirchen im 19. Jh.“ verwies er auf eine in diesem Zusammenhang 2015 publizierte Broschüre mit dem Titel „Die eine Welt reformieren. Freikirchliche Impulse für eine evangelische Aufgabe“. (Dieses Forschungsprojekt war unter Mitwirkung des KI von den Evangelischen Kirchen im Rheinland und in Westfalen sowie der Evangelisch-methodistischen Kirche und den beiden Bünden Freier evangelischer und Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, BFeG und BEFG-Baptisten, durchgeführt worden.)

Podium EKKT (c)

Die zweite Hälfte der Konferenz bot nochmals vertiefte Einblicke in nationale und internationale theologische Dialoge. Es begann mit dem Hauptvortrag der Tagung, um die Prof. Dr. Paul Fiddes (Oxford) gebeten worden war, der häufig als Begründer des Konzepts „Baptism and the Process of Christian Initiation“ angesehen wird, welches besagt, dass die Taufe als ein Teil des lebenslangen Christ-Werdens angesehen muss, zu dem weitere Elemente gehören; betrachtet man die Taufe so, wird ihr Zeitpunkt innerhalb des Prozesses weniger bedeutsam. Dieses Konzept liegt im gegenwärtigen Jahrhundert den meisten Dialogen von täuferischen und nicht-täuferischen Kirchen zugrunde. Fiddes zeigte allerdings in seinen Reconsiderations dieses Konzepts zum einen auf, dass schon im ÖRK-Text „Baptism, Eucharist, and Ministry“ (1982) bzw. in aufgrund dieses Textes in den 1980er Jahren geführten Gesprächsprozessen von „two total processes of initiation“ gesprochen worden war. Zum anderen präsentierte er einen aktuellen Text des Vatikans, also aus einer Kirche, die (auch) kleine Kinder tauft, in dem diese das Konzept, die Taufe als Teil eines (lebens-)langen Prozesses christlicher Initiation zu verstehen, auch für sich allein, die eigene Kirche nutzbar macht; Fiddes zitierte dafür XVI Ordinary General Assembly of the Synod of Bishops, A Synodal Church in Mission, Synthesis Report, Rom, 2023.

Die letzten drei Beiträge der Tagung standen unter der Überschrift „Aktuelle Dialoge zwischen täuferischen und nicht-täuferischen Kirchen – Ergebnisse und offene Fragen“. Dem schon von Hammes genannten trilateralen Dialog über „Die Taufe und die Eingliederung in den Leib Christi, die Kirche“ von Lutherischem und Mennonitischem Weltbund sowie der Römisch-katholischen Kirche war gegen Ende der Tagung eine eigene Darstellung gewidmet, die Dr. Knut Wormstädt (Aachen) präsentierte. Dieser trilaterale Dialog konnte auf mehreren bilateralen Gesprächsprozessen der beteiligten Kirchen(bünde) aufbauen. Als eines der Gesprächsergebnisse hob Wormstädt hervor: „Keine der Gesprächsparteien will Erlösung nur den Getauften vorbehalten. […] Gott mag andere Möglichkeiten und Wege als die Taufe haben, Säuglingen Erlösung zu bringen …“

Dr. Maria Stettner (Landeskirchenamt München) stellte das neueste Dokument eines Dialoges zwischen einer täuferischen und einer nichttäuferischen Kirche vor: 2017-2023 hatten der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland – Baptisten (BEFG) und die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche in Deutschland (VELKD) miteinander Lehrgespräche geführt. Stettner referierte aus der Vorgeschichte u.a. die Magdeburger Tauferklärung, die zwar einerseits 2007 viele Kirchen miteinander verbunden hat, andererseits zur Folge hatte, dass die täuferische Tradition innerhalb (!) der ACK-Kirchen ausgegrenzt wurde. Stettner zeigte die Vorgehensweise der Dialoggruppe sowie den Dialog begünstigende Faktoren und Hindernisse auf, bevor sie Einzelheiten der nun erklärten „Kirchengemeinschaft auf dem Weg“ zwischen BEFG und VELKD nannte. Abschließend fragte sie nach nächsten Schritten, wer diese (mit-)gehe und bat um Konkretionen.

Zu den zwischen BEFG und VELKD verabredeten Maßnahmen gehört „die wechselseitige Einladung zum Predigtdienst“. Prof. Dr. Markus Iff (Ewersbach) zeigte im letzten Vortrag der Konferenz, dass eine solche in noch weit größerem Maßstab geplant ist, nämlich zwischen der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) und der EKD. Während es im BEFG-VELKD-Text heißt, „Baptisten und Lutheraner verbindet eine Verkündigungsgemeinschaft“, wird von VEF und EKD (nur) eine „Predigtgemeinschaft“ angestrebt. Hintergrund ist, dass „Verkündigungsgemeinschaft“ auch „in der gegenseitigen Einladung zur Feier des Abendmahls“ von BEFG und VELKD zum Ausdruck kommt, was so noch nicht zwischen allen EKD- und VEF-Mitgliedskirchen möglich scheint.

Die genannten Referent*innen gehören unterschiedlichen Kirchen bzw. Bünden an: Zwei Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland, drei gehören zu baptistischen Bünden, zwei zum Bund Freier evangelischer Gemeinden, außerdem zwei Lutheraner*innen, ein Reformierter, zwei Unierte und eine römisch-katholische Theologin. Die meisten haben Theologie studiert, aber auch eine Profanhistorikerin und ein Religionswissenschaftler und Soziologe waren dabei. So kamen, wie vom gleichermaßen frei- und landeskirchlich besetzten Organisationsteam erhofft, vielfältige Perspektiven auf das Tagungsthema zum Tragen. Hilfreich war auch, dass ein Teil der Vortragenden selbst in der Vergangenheit an den referierten Dialogen und Prozessen teilgenommen hatte, andere dagegen eine diese Prozesse von außen reflektierende Position einnahmen.

Die Vorträge werden in überarbeiteter Form im August in Heft 3/2024 der im Verlag De Gruyter erscheinenden Zeitschrift des KI, dem „Materialdienst des Konfessionskundlichen Instituts“ (MdKI), abgedruckt werden.

Lothar Triebel

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Pfr. Dr. Lothar Triebel
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