Am 8. Dezember 2025 war der erste Jahrestag des Umsturzes in Syrien, der das Land vom Regime des Präsidenten Assad befreite. Dies veranlasst uns, die Christen in Syrien und aus Syrien näher in den Blick zu nehmen. Hier werden die Syrisch-Orthodoxe Kirche und die sogenannte Rum-Orthodoxe Kirche vorgestellt, die beide auch in Deutschland je eine Diözese haben.
Aus Syrien hörte man in den letzten Monaten nicht sehr viel. Aufgeschreckt wurden westliche Nachrichtenhörer/innen vor kurzem allerdings durch die Meldungen von Kämpfen im Süden des Landes, wo sunnitische Stammesgruppen gegen drusische Milizen kämpfen. Solche Ereignisse lassen immer wieder die Frage aufkommen, wie es eigentlich den Christen in diesem Land geht. Diese waren bis 2011 eine Minderheit von immerhin noch ca. 7-11% der Bevölkerung und sollen derzeit maximal etwa noch 2% ausmachen (genaue Zahlen sind nicht zu ermitteln). Viele Angehörige von Minderheiten in Syrien überlegen sich, das Land zu verlassen.
„Wäre es den Kirchen und der weltweiten Christenheit wirklich egal, wenn in den vielen alten Kirchen und Klöstern [in Syrien, DH] keine Gottesdienste mehr stattfinden?“, so fragt Katja Dorothea Buck in einem kürzlich erschienen Artikel in „Zeitzeichen“. Auf dem Gebiet des heutigen Syrien sind die ersten christlichen Gemeinden entstanden, aus diesem Gebiet stammt der für die Anfänge der Kirche wichtige Apostel Paulus, in Syrien liegen also wichtige Wurzeln des Christentums. Wohlgemerkt, es geht hier nicht darum, aus der Geschichte einen Anspruch auf das Land Syrien zu erheben, wie es heute oft in bestimmten Kontexten geschieht. Sondern es geht darum, diese Wurzeln nicht zu kappen. Die christliche Musik, die Riten, die Architektur, die Handschriften, die aus Syrien stammen, bilden einen Teil des Erbes der gesamten Christenheit, das es zu bewahren gilt, und zwar in seinem ursprünglichen Kontext.
Zwei alte Traditionskirchen
Bisher wurde dieses Erbe von den verschiedenen christlichen Kirchen in Syrien bewahrt. Deren gibt es nämlich mehrere. Über die Katholiken in Syrien haben wir auf unserer Webseite bereits berichtet. Eine weitere und letztlich ältere Tradition haben zwei voneinander zu unterscheidende orthodoxe Kirchen in Syrien bewahrt: Die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien und das Griechisch-Orthodoxe Patriarchat von Antiochien (auch Antiochenisch-Orthodoxe Kirche), auch bekannt unter dem Namen Rum-Orthodoxe Kirche. Diese beiden Kirchen sollen hier in groben Zügen beschrieben werden.
Der Name der Rum-Orthodoxen Kirche bedeutet eigentlich „römische“ Kirche, denn sie war Teil der Reichskirche in römischer Zeit. Schon früh war sie ein Patriarchat mit Sitz in Antiochia und war damit den ersten Patriarchaten Alexandria und Rom, später noch Konstantinopel und Jerusalem gleichgestellt.
Die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien hingegen gehört zu den sogenannten orientalisch-orthodoxen Kirchen. Sie ist dadurch entstanden, dass im Gebiet des Patriarchats von Antiochien (wie auch in anderen östlichen Gebieten des Römischen Reichs) im 6. Jahrhundert die christologische Formel des Konzils von Chalzedon (451) von einigen Theologen und Priestern nicht anerkannt wurde. Sie weihten eigene Bischöfe, die von der Reichskirche nicht anerkannt wurden. Dadurch entstand eine kirchliche Parallelstruktur, die schließlich einen eigenen Patriarchen weihte.
Die Unterschiede zwischen beiden Kirchen
Theologisch unterscheiden sich beide Kirchen in der Art und Weise, wie die Beziehung der zwei Naturen Christi verstanden bzw. ausgedrückt wird. Auf dem Konzil von Chalzedon war formuliert worden: „[Wir bekennen] einen und denselben Christus, den Sohn, den Herrn, den Einziggeborenen, der in zwei Naturen, unvermischt, ungewandelt, ungetrennt, ungesondert geoffenbart ist. Keineswegs wird der Unterschied der Naturen durch die Einigung aufgehoben, vielmehr wird die Eigenart jeder Natur [gerade] bewahrt, und beide vereinigen sich zu einer Person und einer Hypostase.“ Demgegenüber finden sich bei den Gegnern dieser Formel Formulierungen wie: „Der Logos einte das mit einer vernunftbegabten Seele beseelte Fleisch mit sich selbst und wurde so auf unaussprechliche Weise Mensch. Die göttliche und menschliche Natur haben sich vereint in einer unaussprechlichen und geheimnisvollen Verbindung.“ Mit anderen Worten: Das Konzil von Chalzedon betont die Zweiheit der Naturen, was zur Folge hatte, dass den Anhängern dieser Formel vorgeworfen wurde, es handele sich hier um zwei Personen. Die Gegner betonten die Einheit der Person Jesu, was dazu führte, dass ihnen vorgeworfen wurde, die menschliche Natur sei in der göttlichen aufgegangen. Erst im 20. Jahrhundert, im Zusammenhang der modernen ökumenischen Bewegung haben die orthodoxen Kirchen und die orientalischen Kirchen in bilateralen theologischen Gesprächen entdeckt, dass sie beide letztlich dasselbe sagen wollten, aber mit unterschiedlichen Denkkategorien und damit auch unterschiedlicher Terminologie arbeiteten, weshalb sie sich offenbar missverstanden hatten.
Dennoch sind beide kirchlichen Gruppen bis heute (noch) nicht am Abendmahlstisch vereint, obwohl die ökumenischen Beziehungen auf vielen anderen Ebenen sehr gut sind. Zu den orientalisch-orthodoxen Kirchen gehören außer der Syrisch-Orthodoxen auch noch die Armenisch-Apostolische Kirche, die Koptische Orthodoxe Kirche, die Äthiopisch-Orthodoxe Tewahedo Kirche, die Eritreisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche und die Malankara Orthodoxe Syrische Kirche.
Was unterscheidet beide Kirchen sonst noch? Zunächst ist die Liturgiesprache zu nennen. In der Rum-Orthodoxen Kirche wird heute vorwiegend arabisch zelebriert, in der Syrisch-Orthodoxen wird Aramäisch bzw. Alt-Syrisch verwendet. Die göttliche Liturgie in der Rum-Orthodoxen Kirche folgt – wie in allen byzantinisch geprägten orthodoxen Kirchen – meistens der Chrysostomos-Liturgie, während in der Syrisch-Orthodoxen Kirche die Jakobus-Liturgie die Grundlage bildet. Beide Liturgien unterscheiden sich vor allem in der sogenannten Anaphora, d.h. dem eucharistischen Hochgebet, nicht jedoch in der groben Gesamtstruktur des Gottesdienstes. Auch die Ekklesiologie und die Sakramentenlehre in den beiden Kirchen unterscheiden sich nicht grundlegend. Beide Kirchen haben das dreifache Amt (Bischof, Presbyter, Diakon) und praktizieren die bischöfliche Sukzession. Sie praktizieren die Kindertaufe. Priester sind verheiratet, Bischöfe können nur aus dem Mönchsstand gewählt werden. Frauen werden nicht ordiniert, können aber wichtige Funktionen in den Gemeinden übernehmen als Lehrerinnen, Vorsängerinnen etc.
Die Rum-Orthodoxe Kirche heute
Die Rum-Orthodoxe Kirche umfasst heute etwa 750.000 Gläubige vor allem im Libanon, Syrien, Irak, Iran, in den USA, Lateinamerika und Australien. Der derzeitige Patriarch ist Johannes X., der sich als 171. Nachfolger des Apostels Petrus versteht. Er amtiert seit 2012 und residiert in Damaskus (Damaskus ist Patriarchensitz seit dem 16. Jh., nachdem Antiochia 1268 von den Mameluken zerstört worden war).
Die Syrisch-Orthodoxe Kirche heute
Seit 1959 residiert auch der Patriarch der syrisch-orthodoxen Kirche in Damaskus, Weltweit hat diese Kirche ca. 1,5 Mio. Gläubige, davon etwa 1 Mio in Indien. Die indische Diözese der Syrisch-Orthodoxen Kirche hat eine besondere Geschichte. Sie ist im 17. Jahrhundert der Syrisch-Orthodoxen Kirche eingegliedert worden. Der jetzige Patriarch der Syrisch-Orthodoxen Kirche ist Mor Ignatius Ephrem II. (Karim) seit 2014.
Die beiden Kirchen in Deutschland
Sowohl die Rum-Orthodoxe Kirche als auch die Syrisch-Orthodoxe Kirche haben jeweils eine Diözese in Deutschland.
Die Antiochenisch-Orthodoxe Metropolie von Deutschland und Mitteleuropa hat laut den Angaben auf ihrer Webseite (https://rum-orthodox.de/) etwa 24 000 Gläubige im deutschsprachigen Raum. Ihr Vorsteher ist Metropolit Isaak (Barakat) mit Sitz in Köln. Die Metropolie ist Mitglied der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland (OBKD) und dadurch Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK).
Die Erzdiözese der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien in Deutschland gibt auf ihrer Webseite (https://www.syrisch-orthodox.org/index.html) eine Zahl von „schätzungsweise 100.000“ Gläubigen an. Oberhaupt ist Erzbischof Mor Philoxenos Mattias Nayis, der seinen Sitz im Kloster St. Jakob von Sarug im westfälischen Warburg hat. Die Erzdiözese ist Mitglied der ACK in Deutschland.

