In den neocharismatischen Gemeinden gelte die Einheit der Gemeinde „als geistlich vorgegeben und zugleich erstrebenswert. Der Wert der Einheit wird so hoch verortet, dass Konflikte schwer zu benennen und zu führen sind. Differenzen werden entweder als nicht heilsentscheidend oder nicht kirchentrennend depontenziert oder führen zu Ausschlussmechanismen“, sagte der Züricher Privatdozent Thorsten Dietz bei der 70. Europäischen Tagung für Konfessionskunde (EKKT), die am 20. und 21. Februar in Bensheim stattfand. Diese Logik verstärke sich noch einmal, wenn Konflikte gleichermaßen religiös und politisch verstanden würden, so Dietz weiter. Im amerikanischen christlichen Nationalismus etwa würden die USA als „christian nation“ imaginiert. „Analog wird in Europa betont, dass das Christentum die Grundlage des ‚christlichen Abendlandes‘ sei, auch der Demokratie oder der Moral“, so Dietz weiter.
Dietz und sein Co-Referent Matthias Nell vom Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden sprachen im Rahmen der EKKT, die sich die Frage nach einer alternativen „Ökumene von rechts“ zum Thema gestellt hatte, über neocharismatisches Netzwerkchristentum. Zuvor bot der Beauftragte für Weltanschauungsfragen in der Hannoverschen Landeskirche, Daniel Rudolphi, einen Überblick über den landes- und freikirchlichen Evangelikalismus, wobei er vor allem auf die historischen Wurzeln in der Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“ blickte und von dort die Linien bis in die aktuellen Auseinandersetzungen zog.

Abschlussdiskussion (v.l.): Claudia Jetter, Regine Elsner, Daniel Rudolphi, Thorsten Dietz, Matthias Nell und Martin Fritz. Foto: MS
Die diesjährige EKKT hatte sich zum Ziel gesetzt, einen umfassenden Überblick über Vernetzungen an den rechten Rändern der unterschiedlichen christlichen Konfessionen zu geben. Begonnen hatte die Tagung deshalb mit einer „Kartierung des Themenfeldes“ durch den Berliner Privatdozenten Martin Fritz, wissenschaftlicher Referent bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Der Wiener Politologe Thomas Schmiedinger, der aus dem nördlichen Irak per Video zugeschaltet war, und der Benediktinerfrater Benedikt Haiduk aus der Abtei Niederaltaich führten in die aktuellen Entwicklungen des traditionalistischen römischen Katholizismus ein, und die Berliner Anglistin und Theologin Claudia Jetter zeigte Beispiel für „Christfluencing in Sozialen Medien“.
In ihrem Vortrag über „Orthodoxie und die Ökumene von rechts“ ging die katholische Theologin Regina Elsner, Professorin für Ostkirchenkunde in Münster, auf die neuere Geschichte der Russisch-orthodoxen Kirche ein. Dabei zeigte sie zwei Bewegungen auf, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert die russische Orthodoxie prägten: zum einen die stark religionsphilosophisch orientierte „Religiöse Renaissance“ und zum anderen die „Neopatristische Synthese“, die mit „den Vätern den Herausforderungen der Moderne begegnen“ wollte. Einen Schwerpunkt ihres Vortrags bildete die Analyse von Aussagen Patriarch Kirills, der dem westlichen Christentum unterstellt, „sich den Mächten dieser Welt anzupassen“ und deshalb den ökumenischen Dialog, der seiner Meinung nach früher sinnvoll gewesen sei, heute ablehnt.
Eine Abschlussdiskussion sämtlicher Referenten mit den Tagungsteilnehmern, die von Martin Fritz moderiert wurde, schloss die Tagung ab.
