Die Republik Nordmazedonien ist für viele heute ein weißer Fleck auf der Landkarte. Noch mehr gilt die für die religiöse und kirchliche Situation in diesem Land. Dabei gibt es hier eine orthodoxe Kirche, die die Anzahl von autokephalen Kirchen in der Orthodoxie je nach Blickwinkel bereits jetzt erweitert hat oder dies in baldiger Zukunft tun könnte.

Die Mehrzahl der Bevölkerung Nordmazedoniens sind orthodoxe Christen. 1967 hatte sich die orthodoxe Kirche in der damals jugoslawischen Teilrepublik Mazedonien von der Serbischen Orthodoxen Kirche (SOK) getrennt und für autokephal (unabhängig) erklärt. Diese Unabhängigkeit wurde jedoch von den übrigen orthodoxen Kirchen nicht anerkannt, weshalb diese Kirche seither als unkanonisch galt. 2022 beschloss das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel, dieses Verdikt aufzuheben und die Gemeinschaft wieder herzustellen. Diesem Beschluss folgte auch das Patriarchat der SOK und ging sogar einen Schritt weiter, indem es der nordmazedonischen Kirche die Autokephalie verlieh. Diese wird seither von fünf autokephalen orthodoxen Kirchen anerkannt. Das Ökumenische Patriarchat anerkennt zwar die Kanonizität, nicht jedoch die Autokephalie. Dasselbe gilt für das Patriarchat von Antiochien, die Orthodoxe Kirche in Albanien, die Kirche von Griechenland und die Georgische Orthodoxe Kirche. Es schälen sich somit in dieser Frage zwei Lager innerhalb der Orthodoxie heraus. Grund für diese Situation ist eine unterschiedliche Auffassung davon, wer Autokephalie verleihen kann: die einen meinen, dafür sei ausschließlich das Patriarchat von Konstantinopel (auch Ökumenisches Patriarchat genannt) zuständig, andere sind der Meinung, Autokephalie könne von der Mutterkirche verliehen werden, von der sich eine Kirche selbständig machen will.  Dementsprechend – so wurde verlautbart – bereitet das Ökumenische Patriarchat das Dokument zur Verleihung der Autokephalie an die Kirche von Nordmazedonien noch vor. Allerdings ist dabei noch eine weitere Dissonanz aus dem Weg zu räumen: der Name der Kirche. Die Kirche in Nordmazedonien selbst nennt sich „Mazedonische Orthodoxe Kirche – Erzbistum Ohrid (MOK-EO)“.  Die Bulgarische Orthodoxe Kirche lehnt die Bezeichnung „Erzbistum Ohrid“ ab, weil sie sich selbst auf das alte Erzbistum Ohrid zurückführt. Die Kirche Griechenlands und das Ökumenische Patriarchat dagegen stoßen sich an der Bezeichnung „mazedonisch“, da dieser Name der griechischen Region Mazedonien vorbehalten sei.

Eine Gelegenheit, die Kirche und vor allem die Ausbildungsstätte der MOK näher kennenzulernen, hatte die Orthodoxiereferentin des Konfessionskundlichen Instituts vom 6.-9. Juni 2024 bei einer Fachtagung, die von der Orthodoxen Fakultät der Universität Skopje in Zusammenarbeit mit dem Ostkircheninstitut in Regensburg veranstaltet wurde und in Ohrid stattfand. Die Konferenz beinhaltete einen thematisch vielfältigen Austausch zwischen orthodoxen Professoren und Professorinnen/ Dozenten bzw. Dozentinnen aus Nordmazedonien und aus Griechenland, katholischen Theologen aus Rom und Deutschland sowie zwei evangelischen Theologinnen (ebenfalls aus Deutschland). Ein Teil der Vorträge handelten von der Geschichte und Gegenwart der Kirche in Nordmazedonien, die heute beispielsweise mit  Fragen des öffentlichen Religionsunterrichtes und den damit verbundenen Schwierigkeiten konfrontiert ist. Aber auch ökumenisch wichtige Fragen kamen zur Sprache. Als Beispiel seien die Vorwürfe byzantinischer Theologen gegen die Lateiner im Mittelalter und die irenische Haltung des Erzbischofs von Ohrid dazu genannt. Dass die Stadt bzw. der Bischofssitz in Ohrid – vor allem in der Zeit vom 11. Jahrhundert bis zum 14. Jahrhundert ein wichtiges kirchliches Zentrum war, wurde in mehreren Vorträgen deutlich. Aber auch kirchlich-theologische Entwicklungen im 20. Jahrhundert kamen zur Sprache, etwa die Frage, wie auf dem Balkan die historisch-kritische Bibelauslegung aufgenommen wurde bzw. wird. Dagmar Heller gab mit der Darstellung der Dialoge, die die EKD seit 65 Jahren mit orthodoxen Kirchen führt, einen Einblick in die orthodox-evangelische Ökumene.

Vor allem in den Tischgesprächen wurde deutlich, dass an der Fakultät der MOK ein großes Interesse besteht, innerhalb der Orthodoxie, aber auch in der weltweiten Ökumene sichtbar zu werden, Kontakte zu knüpfen, Kooperationen und Studierendenaustausch zu organisieren. Seit der Wiederaufnahme in die Gemeinschaft der orthodoxen Kirche ist dies leichter geworden. Die genannte Tagung war ein erster Schritt dazu.

 

 

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Pfrin. Dr. Dagmar Heller
Wissenschaftliche Referentin für Orthodoxie und Leitung

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